Text und Foto mit freundlicher Genehmigung von Jens Dörr, www.jensdoerr.com

Industrievereinigung Dieburg wird 70 / Wie zur Gründung eine fragile
Lage / 40 Mitgliedsunternehmen / „Impulsgeber“ etwa bei KI
(jd) Die 40 Mitglieder der Industrievereinigung Dieburg (IGD) lesen sich mitunter wie ein
„Who is who“ der Firmenwelt im Ostkreis Darmstadt-Dieburg: Die größten Dieburger
Arbeitgeber Stihl und OTLG sind ebenso darunter wie (Noch-)Schwergewicht Conti aus
Babenhausen. Dazu kommen namhafte Familienbetriebe wie der Formen- und
Motorentechniker Sauer & Sohn (Dieburg) und das Bauunternehmen Aumann (Babenhausen).
Unter anderem die zwei letztgenannten zählten vor 70 Jahren zu den Gründungsmitgliedern der
IGD: Mitte der 50er, im einsetzenden deutschen Wirtschaftswunder, bildete sich im damaligen
Altkreis Dieburg ein Zusammenschluss, der bis heute Berechtigung nachweist. Zum Jubiläum
zog in Stihl-Personalchef Gerhard Rheiner der IGD-Vorsitzende dann auch einen Vergleich der
Lage zwischen 1955 und 2025.

Als zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs „ein paar fleißige Unternehmer hier im
Landkreis auf die Idee kamen, eine Interessengemeinschaft zu bilden, war ich noch nicht auf
der Welt“, schaute Rheiner in einer Feierstunde der Industrievereinigung in der Groß-Umstädter
Haxenmühle zurück. „Das Land war im Aufbau und man blickte wieder zuversichtlich in die
Zukunft. Viele Unternehmen hatten dieselben Themen zu bewältigen, da lag es nahe, sich
zusammenzuschließen.“ National und weltpolitisch seien damals Deutschlands der Beitritt zur
NATO, das Anwerben der ersten Gastarbeiter und der Anschluss der DDR an den Warschauer
Pakt gewesen.

Nun, 70 Jahre später, sieht Rheiner Parallelen: „Die Geschichte wiederholt sich“, meinte er in
Anspielung auf den Krieg in der Ukraine und eine „zunehmende Destabilisierung
demokratischer Staaten innerhalb der Europäischen Union“. Trotz jahrzehntelangen
Wachstums, Wohlstands und Friedens sei „die geopolitische Lage so fragil wie seit vielen
Jahren nicht mehr“, seien „Werte wie Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Vertrauen bis in die
obersten Ebenen der Politik scheinbar verloren gegangen“. Deshalb stehe Deutschland in
Rheiners Augen „vor nicht minder großen Herausforderungen wie vor 70 Jahren“. International
sorgten den Dieburger die Spannungen zwischen den USA und China, national blieben „die
Bewältigung von Migration und die Integration von Migranten zentrale Themen“.

Dazu kämen Herausforderungen wie eine „bezahlbare Klimapolitik“, Auflösung des
Investitionsstaus durch öffentliche und private Mittel und „der breite Einsatz von KI“. Unter
anderem bei der Künstlichen Intelligenz könne auch die IGD ihr Scherflein beitragen, erläuterte
Rheiner nach dem offiziellen Teil der Jubiläumsfeier im Gespräch mit dem Autor dieser Zeilen.
„Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt in einer Geschwindigkeit, wie wir sie bislang
nicht kannten.“ Die Industrievereinigung sehe sich in den Bereichen KI und Digitalisierung als
„Impulsgeber“ für ihre Mitgliedsunternehmen, ebenso in Fragen der Nachhaltigkeit.

Dies alles geschehe vor einem wirklich ernstzunehmenden Hintergrund: „Unsere industrielle
Entwicklung ist existenzbedrohend“, warnte Rheiner, der auch aus seiner täglichen Erfahrung
als Führungskraft des Gartengeräte-Giganten Stihl, dessen Deutschland-Vertriebszentrale in
Dieburg jährlich eine halbe Milliarde Euro umsetzt, sprach. Gerade die Chinesen seien „in
Entwicklungszyklen unterwegs, die so viel kürzer sind als unsere“. Wenn Deutschland seine
Potenziale wieder hebe – Rheiner nannte „Werte, Ingenieurskunst, Tradition,
Umweltbewusstsein, Vielfalt und Integration“ – habe man unterm Strich aber „hervorragende
Voraussetzungen, die Herausforderungen in einem einzigartigen und faszinierenden Land zu
meistern“.

Neben Vereinen, Verbänden und Organisationen trügen auch Netzwerke wie die
Industrievereinigung Dieburg dazu bei, dass weiterhin „großartige Leistungen“ erzielt würden.
Auch die IGD selbst wandelte sich immer wieder – weniger bei der sehr treuen Mitgliedschaft,
aus der es praktisch keine Austritte gibt und die neben der Industrie auch ausgewählte Betriebe
aus dem Dienstleistungssektor umfasst, als vielmehr bei ihren Kernthemen. Ist es heute
insbesondere der Wissenstransfer innerhalb einer Art gemeinsamen Heimathafens, setzte man
sich vor ein paar Jahren noch stark für verkehrspolitische Themen wie die Öffnung der
Durchfahrt durch Darmstadt von und gen Ostkreis auch für LKW mit mehr als 3,5 Tonnen ein.
Derlei steht aktuell zumindest im öffentlichen Diskurs nicht mehr im Fokus. „Wir sind leise
unterwegs“, sagte Gerhard Rheiner. Man müsse „irgendwann auch das Gespür für das
Machbare kriegen“, ergänzte er im Kontext etwa eines gewünschten, auf Sicht aber
unrealistischen B26-Ausbaus zwischen Dieburg und Babenhausen.

Zu den Fotos:

BU zu Foto Nr. 1: Im Rahmen ihrer 70-Jahr-Feier spendete die Industrievereinigung Dieburg
auch Geld für zwei gute Zwecke: Margarete Sauer (2. v. l.) nahm 3.000 Euro für den neuen
MINT-Förderverein im Landkreis entgegen, Alexandra Kattner 1.000 Euro für das Projekt
„Gesegnete Mahlzeit“ in Babenhausen. Ebenfalls auf dem Foto: IGD-Vorsitzender Gerhard
Rheiner (Stihl, r.) und IGD-Schatzmeister Ramon Moral (Vorstandsmitglied der Sparkasse
Dieburg).

BU zu Foto Nr. 2: Zur 70-Jahr-Feier der Industrievereinigung Dieburg zog Vorsitzender
Gerhard Rheiner (r.) den Vergleich der weltpolitischen Lage zwischen 1955 und 2025. Derzeit
sind in der IGD 40 Unternehmen – vor allem aus dem Ostkreis mit Schwerpunkten in
Dieburg, Babenhausen und Groß-Umstadt – organisiert.

BU zu Foto Nr. 3: Zur 70-Jahr-Feier der Industrievereinigung Dieburg zog Vorsitzender
Gerhard Rheiner den Vergleich der weltpolitischen Lage zwischen 1955 und 2025. Derzeit
sind in der IGD 40 Unternehmen – vor allem aus dem Ostkreis mit Schwerpunkten in
Dieburg, Babenhausen und Groß-Umstadt – organisiert.

Jens Dörr, Juli 2025